Zugfahren ist…
21 Mai 2010 Hinterlasse einen Kommentar
Zugfahren ist eine Reise in seine Persönlichkeit. Zu seinen Problemen des Alltags. Und irgendwie schafft man es doch, an ein Ende zu kommen. Sei es nur um körperlich auszusteigen, wenn die Geschwindigkeit auf null gekommen ist, wie man selbst, wenn man sich in seinem kleinen Reisedelirium befindet. Kam mir grad so spontan, dass man sich beim Zugfahren mit sich selbst beschäftigt – eigentlich immer. Man ist gefangen, in einen Umfeld voll fremder Leute, in einer Welt oder besser gesagt in einer Gesellschaft die voll Untoleranz und Unfreundlichkeit nicht mehr kann. Dazu kommt, dieser Raum ist nur für diesen Zweck des Transportes konzipiert – keiner dieser Designer und Ingenieure dachte daran den Benutzer einzubeziehen. Schlussfolgerung: Um sich abzulenken, nicht andauernd nervös durch die Gegend zu Starren um den Blickkontakt mit den anderen Mitmenschen zu vermeiden werden meistens die Augen geschlossen. Dann wird sich mit Musik beschallt oder ein Buch gelesen, am besten gleichzeitig um alle Sinne zu überfordern, man versinkt in einen Schlummerzustand und wird durch die Landschaft geschossen.
Zugfahren ist Selbstreflektion. Man denkt an die Zukunft, malt sich innerlich schöne Pläne zurecht, denkt sich verrückte Phantasien aus, und jedesmal wenn man wartend am Gleisbett steht und beobachtet wie das Eisenrad auf der Schiene rollt überlegt man sich den Kopf auf die selbige zu legen um zwar ekelhaft aber immerhin schnell zerquetscht zu werden.
Zugfahren ist anstrengend. Jeder der eine 40h Woche hat und am Freitag den Weg in ein anderes Domizil anstrebt kann mir zustimmen, gerade wenn man länger unterwegs ist wird es schnell zur Qual. Irgendwann, möchte man keine EU-Mitbürger mehr neben sich haben die mit ihren Familien lautstark telefonieren, verwöhnten Kinderlärm gepaart mit aktuellem Fastfood, Bier und Slang (“Weil es so unglaublich cool ist”) oder diese unglaublich nervigen Kleinkinder die meinen an jedem Eck zwar süß aussehen zu müssen aber auch verdammt nervig sein können. Gott, wie ich Kleinkinder hasse! Und Kinder erst. Verdammte neumodische Elterngeneration die ohne Disziplin, Wertvermittlung und Ruhe erzieht. Natürlich wird es so selbstständig, aber auf was für Kosten?
Depressive Regenwolken stehen am Himmel, eine Hoffnung fehlt bei dem Wetter. Warum assoziieren wir eigentlich Gefühlszustand mit Wetter? Es ist doch schwachsinnig diese Ansichten: “Wenn das Wetter schlecht ist, geht es mir nicht gut”. Scheisse! Wer sagtn das… Fahr doch mitm Zug weg, möchte man als Tipp geben.
Zugfahren ist Befreiung. Wo kann man sich so gut bei seinen Gedankenspaziergängen beschäftigen wie dort. Man ist gezwungen irgendwas zu machen, der Mensch kennt keinen Stillstand. Es ist wunderbar, wäre da nicht die Zeit. Abhängig vom aktuellen Beschäftigungsgebiet ist diese Konstante dann doch eher eine Variable. Zeit ist nicht definiert, kann nicht definiert sein und ergibt sich einfach aus einer haltlosen Annahme, einem System das dir sagt: Das ist die Zeit. Friss oder stirb! Aber darüber zu schreiben würde jetzt wirklich lange dauern
Zugfahren ist eine Reise, eine Reise durch Zeit und Raum. Vergänglichkeit zeichnet sich hier ebenso ab, wie das unmittelbar zu Erlebende.
Nächtliche Impression
18 Mai 2010 Hinterlasse einen Kommentar
Irgendwann zwischen eins und halb zwei, tief im Schlaf, wird man aus selbigem gerissen. Die Weckmethode ist unsaft, hat man gerade nach einer vorabendlichen Kotzattacke endlich sich in den verdienten Erholungsschlaf verabschiedet (=in der Form das man halb komatös auf dem Bett liegt), so werden die fiebrigen Träume durch ein lautes: “Und noch einen für den Busfahrer-er-er-er” unterbrochen.
Erster Gedanke: Scheisse was geht hier ab?
Nach einigen Lauschern in der Dunkelheit wird klar, in der Küche meiner WG – die sich ein Stock über meinem Domizil befindet – geht gerade eine kleine Party. Und da ich jetzt eh wach bin, also mal schön im Schlafdress nach oben geschlappt.
Willkommen, hallo hallo, dich kenn ich doch! Schnell wird man eingeladen, nachdem man allerdings stocknüchtern ist, auf eine wilde Zaziki auf Fladenbrot Fressorgie! Bier und andere Umdrehungen gibt es keine, man erfährt es wurde schon bei irgend einem Helferfest ordentlich vorgeglüht. Nach einem Stück Fladenbrot mit großzügig Zaziki drauf, möglicherweise bereue ich das schon morgen, verabschiede ich mich wieder aus meiner kleinen Schnorrerlaune und lass mich dann unten angekommen wieder von meinem Fernseh bestrahlen. Um diese Uhrzeit kommt sogar mal Musik… anstatt Handywerbung!
Man sollte diese Gepflogenheit beibehalten, nachts so spät zusammenkommen um dann irgendwas in sich reinfressen!
Sabine mag Butter
16 Dez 2009 Hinterlasse einen Kommentar
Sie steht früh auf. Ihre Schicht beginnt um 8 Uhr, doch lieber ist sie ein paar Minuten früher da. Die Lichter werden angemacht. Der Laden erwacht aus seinem Tiefschlaf. Wobei, geschlafen hat er nicht, die Kühltruhen liefen die ganze Nacht und haben Pizza, Pommes und Puten in fester kühler Gefangenschaft gelassen. Kälte ist auch zu dieser Jahreszeit allgegenwärtig, wenn Sabine das Auto aufschließt und ihr der Atem stockt. Manchmal denkt sie laut nach während sie fährt, ob Frau Meier heute wieder um 9:21 Uhr an der Kasse steht, ihre vier Eier kauft und die ein Euro neunundzwanzig Cent abzählt, zittrig ihre kalte Hand rüberreicht und dann noch einen ebenfalls schönen Tag wünscht. Freundlichkeit wird vom Filialleiter prophezeit, Fräulein Sabine solle doch mehr lächeln. Heute im Auto war sie Optimist, träumte davon wieder ihr Studium aufzunehmen, erfolgreich zu werden und diesem Alltag zu entkommen. Der Tag freute sie, ihre Gedanken waren warm und ihre Laune ebenfalls.
Ein junger Mann steht an der Kasse, müde lächelnd, Cola auf dem Band. Der Scanner piept, sie kassiert und strahlt ihre Wärme aus, wünscht einen schönen Tag. Der junge Mann verwirrt. Reagiert. Ebenfalls.
Butter klingt schön, ist kalt und wird weich wenn man sie wärmt. Wie Sabines Herz im Winter. Und sie lässt sich gut über den Scanner ziehen. Sachen die schnell vorbeiziehen und sie nicht aufhalten mag sie, Probleme die nicht bleiben sondern vorbeigehen.
Als es dunkel wird, raunt ein Schweigen durch die Filiale, nur ein leises Summen ist zu hören: “Bis morgen!”